Welche Physiotherapie bei Gleichgewichtsstörungen

Gleichgewichtsstörungen können den Alltag auf unterschiedliche Weise erschweren. Einige Menschen fühlen sich beim freien Stehen unsicher, andere geraten beim Gehen, bei Richtungswechseln oder auf unebenem Boden ins Schwanken. Auch das Aufstehen, Treppensteigen oder Drehen des Kopfes kann Beschwerden auslösen.

Wie stark die Einschränkungen sind, ist von Patient zu Patient verschieden. Deshalb orientiert sich die Physiotherapie daran, in welchen Situationen die Unsicherheit auftritt und welche Bewegungen im Alltag besonders schwerfallen.

Was sind Gleichgewichtsstörungen und wie äußern sie sich?

Damit ein Mensch sicher stehen und gehen kann, müssen mehrere Bereiche zusammenarbeiten. Die Augen liefern Informationen über die Umgebung. Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr nimmt Bewegungen des Kopfes wahr. Gleichzeitig melden Muskeln, Gelenke und Füße, wie der Körper gerade steht und belastet wird. Aus diesen Informationen entstehen fortlaufend kleine Anpassungen der Körperhaltung.

Ist dieses Zusammenspiel beeinträchtigt, kann es schwerer werden, eine stabile Position zu halten oder auf Veränderungen rechtzeitig zu reagieren. Gleichgewichtsstörungen sind dabei nicht immer mit Drehschwindel verbunden. Manche Patienten beschreiben eher ein Schwanken, ein unsicheres Gangbild oder das Gefühl, beim Gehen zur Seite gezogen zu werden.

Mögliche Beschwerden sind:

  • unsicheres Stehen ohne Halt;
  • Schwanken oder Abweichen von der Gehrichtung;
  • Schwierigkeiten beim Drehen und Wenden;
  • Unsicherheit beim Aufstehen und Hinsetzen;
  • Probleme auf Treppen oder unebenen Wegen;
  • stärkere Beschwerden bei Dunkelheit;
  • Gleichgewichtsverlust bei Bewegungen des Kopfes;
  • häufiges Abstützen an Wänden oder Möbeln;
  • Angst vor einem Sturz.

Die Beschwerden können einzeln oder gemeinsam auftreten. Während manche Patienten nur bei anspruchsvolleren Bewegungen unsicher werden, benötigen andere bereits beim gewöhnlichen Gehen eine zusätzliche Unterstützung.

Welche Ziele hat die Physiotherapie bei Gleichgewichtsstörungen?

Die Physiotherapie soll dazu beitragen, Bewegungen wieder besser zu kontrollieren und alltägliche Situationen sicherer zu bewältigen. Dabei geht es nicht ausschließlich darum, möglichst lange auf einem Bein zu stehen. Ebenso wichtig können die Muskelkraft, das Gangbild und die Fähigkeit sein, auf ein plötzliches Schwanken rechtzeitig zu reagieren.

Die Behandlung orientiert sich an den persönlichen Schwierigkeiten. Bei einem Patienten steht möglicherweise das sichere Gehen im Vordergrund, bei einem anderen das Aufstehen, Drehen oder Bewegen auf unterschiedlichen Untergründen. Ein weiteres Ziel kann darin bestehen, nach einer Phase mit wenig Bewegung wieder mehr Vertrauen in den eigenen Körper zu entwickeln.

Durch passende Bewegungsaufgaben sollen die vorhandenen Fähigkeiten schrittweise erweitert werden. Entscheidend ist dabei, ob sich die gewonnene Sicherheit auf den persönlichen Alltag übertragen lässt.

Wie untersucht der Physiotherapeut das Gleichgewicht?

Zu Beginn fragt der Physiotherapeut, in welchen Situationen die Beschwerden besonders deutlich werden. Wichtig ist beispielsweise, ob die Unsicherheit vor allem beim Stehen, während des Gehens, bei Kopfbewegungen oder auf unebenem Boden entsteht. Auch bisherige Stürze, verwendete Hilfsmittel und schwierige Alltagssituationen werden berücksichtigt.

Anschließend können verschiedene Bewegungsaufgaben durchgeführt werden. Der Physiotherapeut beobachtet beispielsweise:

  • wie sicher der Patient mit unterschiedlicher Fußstellung steht;
  • ob das Körpergewicht gleichmäßig auf beide Seiten verteilt wird;
  • wie das Aufstehen und kontrollierte Hinsetzen gelingt;
  • wie stabil der Patient geradeaus geht;
  • wie Wendungen und Richtungswechsel ausgeführt werden;
  • was beim Gehen mit zusätzlichen Kopfbewegungen passiert;
  • wie kräftig die Beine sind;
  • wie schnell ein stabilisierender Schritt möglich ist;
  • ob eine Gehhilfe benötigt und sicher verwendet wird.

Die Aufgaben richten sich nach den vorhandenen Fähigkeiten. Bei deutlicher Unsicherheit werden zunächst einfache Bewegungen in einer geschützten Position geprüft. Wenn das Stehen und Gehen bereits gut gelingt, können anspruchsvollere Aufgaben folgen.

Durch diese Untersuchung lässt sich erkennen, ob beispielsweise die Standkontrolle, die Muskelkraft, das Gangbild oder die Reaktionsfähigkeit stärker trainiert werden sollte. Die Ergebnisse dienen außerdem dazu, Veränderungen im weiteren Behandlungsverlauf zu beurteilen.

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Welche Übungen und Behandlungen kommen infrage?

Bei Gleichgewichtsstörungen stehen aktive Bewegungsaufgaben im Mittelpunkt. Welche davon eingesetzt werden, richtet sich nach dem physiotherapeutischen Befund und den Situationen, in denen der Patient Unterstützung benötigt.

1. Gleichgewichts- und Reaktionstraining

Beim Gleichgewichtstraining lernt der Körper, kleinere Schwankungen besser auszugleichen. Zu Beginn kann der Patient mit etwas Abstand zwischen den Füßen stehen und das Gewicht langsam nach vorne, hinten oder zur Seite verlagern. Später lässt sich die Fußstellung verändern oder eine Bewegung der Arme ergänzen.

Auch die Reaktion auf einen drohenden Gleichgewichtsverlust kann geübt werden. Dafür trainiert der Patient Schritte nach vorne, hinten und zur Seite. Gerät der Körper aus einer stabilen Position, soll rechtzeitig ein Ausgleichsschritt erfolgen.

Mögliche Übungen sind:

  • Gewichtsverlagerungen in verschiedene Richtungen;
  • abwechselndes Anheben eines Fußes;
  • Stehen mit versetzten oder enger zusammengestellten Füßen;
  • kontrollierte Schritte nach vorne, hinten und zur Seite;
  • Wechsel zwischen verschiedenen Fußpositionen;
  • Aufnehmen und Ablegen leichter Gegenstände im Stand.

Der Schwierigkeitsgrad wird so gewählt, dass der Patient gefordert wird, die Bewegung aber weiterhin kontrollieren kann.

2. Gangtraining und Training von Alltagsbewegungen

Beim Gangtraining werden unterschiedliche Bestandteile des Gehens geübt. Dazu gehören gleichmäßige Schritte, sicheres Anhalten, erneutes Losgehen, Wenden und das Verändern der Geschwindigkeit. Je nach Bedarf können kleine Hindernisse, Treppen oder unterschiedliche Bodenverhältnisse einbezogen werden.

Auch die Verwendung einer Gehhilfe kann Teil der Physiotherapie sein. Dabei wird geübt, wie die Gehhilfe richtig eingestellt und bei geradem Gehen, Kurven oder auf Treppen sicher eingesetzt wird.

Im weiteren Verlauf werden die Aufgaben stärker an den Alltag angepasst. Geübt werden beispielsweise:

  • aus dem Bett oder von einem Stuhl aufstehen;
  • sich in einem engen Raum umdrehen;
  • eine Tür öffnen und anschließend weitergehen;
  • einen Gegenstand vom Boden aufnehmen;
  • eine Einkaufstasche tragen;
  • die Gehrichtung wechseln;
  • Treppen hinauf- und hinuntergehen;
  • sich auf verschiedenen Untergründen bewegen.

Dadurch soll die verbesserte Bewegungskontrolle nicht auf den Behandlungsraum beschränkt bleiben. Der Patient übt gezielt die Situationen, die ihm außerhalb der Praxis Schwierigkeiten bereiten.

3. Krafttraining

Ausreichende Kraft in den Beinen und im Rumpf erleichtert viele Bewegungen, bei denen das Gleichgewicht gehalten werden muss. Wenn die Beine beim Aufstehen schnell nachgeben oder eine stabile Körperhaltung schwerfällt, kann dies die Unsicherheit verstärken.

Geeignete Übungen können sein:

  • wiederholtes Aufstehen von einem Stuhl;
  • langsames und kontrolliertes Hinsetzen;
  • leichtes Beugen und Strecken der Knie;
  • Aufrichten auf die Zehenspitzen;
  • seitliche Schritte;
  • kontrolliertes Steigen auf eine niedrige Stufe;
  • Übungen zur Stabilisierung des Rumpfes.

Der Widerstand, die Bewegungsweite und die Anzahl der Wiederholungen werden an die Belastbarkeit angepasst. Im Vordergrund steht eine kontrollierte Ausführung, bei der der Patient seine Körperposition sicher halten kann.

4. Übungen für Blick und Kopfbewegungen

Wenn die Gleichgewichtsstörungen mit Schwindel oder Beschwerden bei Kopfbewegungen verbunden sind, können zusätzliche Übungen für Blick und Kopf infrage kommen. Dabei wird beispielsweise ein fester Punkt mit den Augen angesehen, während sich der Kopf langsam nach rechts und links bewegt. Auch das Verfolgen eines Gegenstands mit den Augen oder das Gehen mit kontrollierten Kopfbewegungen kann geübt werden.

Diese Übungen gehören zur vestibulären Rehabilitation. Vereinfacht gesagt soll das Zusammenspiel zwischen Augen, Kopfbewegung, Gleichgewichtsorgan und Körper verbessert werden.

Zu Beginn können die Aufgaben im Sitzen ausgeführt werden. Später lassen sie sich mit dem Stehen oder Gehen verbinden. Dabei kann der bekannte Schwindel vorübergehend leicht auftreten. Die Belastung wird jedoch so dosiert, dass die Beschwerden kontrollierbar bleiben und sich anschließend wieder beruhigen.

5. Lagerungsmanöver

Bei einer bestimmten Form des Schwindels können festgelegte Bewegungsfolgen für Kopf und Körper eingesetzt werden. Sie werden als Lagerungs- oder Befreiungsmanöver bezeichnet. Dazu gehören beispielsweise das Epley- und das Semont-Manöver.

Dabei handelt es sich nicht um allgemeine Gleichgewichtsübungen. Das passende Manöver hängt davon ab, welcher Bereich des Gleichgewichtsorgans betroffen ist. Es wird deshalb nur eingesetzt, wenn die festgestellte Schwindelform zu dieser Behandlung passt.

Der Physiotherapeut unterstützt den Patienten bei den notwendigen Positionswechseln und achtet auf eine korrekte Ausführung. Bestehen Einschränkungen der Halswirbelsäule oder andere Schwierigkeiten beim Hinlegen und Aufrichten, müssen die Bewegungen entsprechend angepasst werden.

Wie werden die Übungen angepasst und gesteigert?

Das Training beginnt auf einem Niveau, auf dem die Bewegungen sicher ausgeführt werden können. Sobald eine Aufgabe zuverlässig gelingt, wird sie schrittweise verändert. Dadurch erhält der Körper neue Anforderungen, ohne unnötig überfordert zu werden.

Eine Übung kann beispielsweise erschwert werden, indem:

  • die Füße enger zusammengestellt werden;
  • die Haltemöglichkeit schrittweise reduziert wird;
  • Kopf- oder Armbewegungen hinzukommen;
  • die Geschwindigkeit verändert wird;
  • häufiger die Richtung gewechselt wird;
  • aus einer Aufgabe im Stand eine Gehaufgabe entsteht;
  • kleine Hindernisse einbezogen werden;
  • eine zusätzliche einfache Aufgabe während der Bewegung ausgeführt wird.

Es wird normalerweise nicht alles gleichzeitig verändert. Der Physiotherapeut wählt einzelne Steigerungen aus und beobachtet, wie sicher der Patient darauf reagiert. Falls die Bewegung nicht mehr kontrolliert werden kann, wird die Aufgabe vereinfacht oder anders aufgebaut.

Für zu Hause wird meist eine Auswahl bereits bekannter Übungen zusammengestellt. Dabei sollten ausreichend Platz, eine stabile Haltemöglichkeit und eine Umgebung ohne Stolperfallen vorhanden sein. Neue oder deutlich schwierigere Varianten werden zunächst gemeinsam in der Physiotherapie ausprobiert.

Regelmäßige Wiederholungen helfen dabei, Bewegungsabläufe zu festigen. Gleichzeitig muss die Übungsauswahl im Verlauf angepasst werden. Eine Aufgabe, die anfangs noch anspruchsvoll war, kann später zu leicht werden. Bei Erschöpfung oder stärkerer Unsicherheit kann dagegen vorübergehend eine einfachere Variante sinnvoll sein.

Fazit

Bei der Physiotherapie kommt es nicht darauf an, einzelne Gleichgewichtsübungen möglichst perfekt auszuführen. Wichtiger ist, dass der Patient die erarbeiteten Fähigkeiten bei den Bewegungen nutzen kann, die er in seinem Alltag tatsächlich benötigt.

Fortschritte können sich darin zeigen, dass das Aufstehen kontrollierter gelingt, Richtungswechsel sicherer werden oder beim Gehen weniger Unterstützung benötigt wird. Durch eine passende Dosierung und schrittweise Steigerung kann das Vertrauen in die eigenen Bewegungen nach und nach wachsen.

Quellen

  1. DEGAM: Schwindel in der Hausarztpraxis
  2. UniReha Köln: Therapie bei Schwindel und Gleichgewichtsstörungen
  3. Universitätsklinikum Düsseldorf: Eigenübungsprogramm bei Gangunsicherheit und Gleichgewichtsstörungen
  4. Universitätsklinikum Düsseldorf: Eigenübungsprogramm Schwindel
  5. Gesundheitsinformation.de: Was tun bei gutartigem Lagerungsschwindel?
  6. Gesund aktiv älter werden: Balance und Kraft im Alter trainieren

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