Physiotherapie gehört neben der medikamentösen Behandlung zu den wichtigsten Bausteinen in der Therapie des idiopathischen Parkinson-Syndroms (IPS). Da viele Gang- und Gleichgewichtsstörungen im Krankheitsverlauf nur unzureichend auf Medikamente ansprechen, kommt gezieltem Bewegungstraining eine besondere Bedeutung zu. Welche physiotherapeutischen Verfahren sich bei Parkinson bewährt haben, erfahren Sie in diesem Artikel.
Warum ist Physiotherapie bei Parkinson so wichtig?
Regelmäßiges, aktivierendes Training kann der fortschreitenden Bewegungsverarmung entgegenwirken und hilft, Beweglichkeit, Gleichgewicht und Sturzsicherheit möglichst lange zu erhalten. Die aktuelle Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) empfiehlt Physiotherapie bereits in der Frühphase der Erkrankung – idealerweise mit mindestens drei Stunden Training pro Woche, wenn möglich ergänzt durch selbstständiges Üben zu Hause. Physiotherapie fördert zudem die Neuroplastizität: Durch wiederholte, gezielte Reize kann das Gehirn vorhandene Bewegungsmuster stabilisieren und neue Strategien entwickeln, um körperliche Einschränkungen auszugleichen. Welche Form der Physiotherapie im Einzelfall sinnvoll ist, hängt vom Krankheitsstadium, den individuellen Symptomen und der Empfehlung des behandelnden Neurologen ab.
Welche Formen der Physiotherapie gibt es bei Parkinson?
- Klassische Krankengymnastik: Übungen zur Kräftigung der Muskulatur, zur Verbesserung der Haltung und zur Mobilisation steifer Gelenke stehen im Vordergrund. Sie wirken der typischen gebeugten Körperhaltung und dem kleinschrittigen Gangbild entgegen.
- Gang- und Gleichgewichtstraining: Spezielle Übungen zur Sturzprophylaxe, etwa das bewusste Gehen auf einer Linie, gezielte Balanceübungen oder Laufbandtraining, verbessern Schrittlänge, Gehgeschwindigkeit und Standsicherheit im Alltag.

- KG ZNS (Krankengymnastik bei Erkrankungen des zentralen Nervensystems): Diese spezialisierte Heilmittelkategorie richtet sich an Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie Parkinson. Sie darf nur von Physiotherapeuten mit entsprechender Zusatzqualifikation durchgeführt werden und stützt sich unter anderem auf folgende Konzepte:
- Bobath-Konzept: zielt darauf ab, fehlerhafte Bewegungsmuster zu korrigieren und physiologische Bewegungsabläufe neu zu bahnen.
- PNF (Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation): verbessert über gezielte Bewegungsmuster das Zusammenspiel von Nervensystem und Muskulatur und fördert Kraft, Koordination und die Automatisierung von Bewegungsabläufen.
- Vojta-Therapie: aktiviert über gezielte Druckreize an bestimmten Körperpunkten im zentralen Nervensystem gespeicherte Bewegungsmuster und kann helfen, die Körperhaltung zu stabilisieren.
- LSVT BIG: Ein intensives, vierwöchiges Therapieprogramm mit großen, amplitudenbetonten Ganzkörperbewegungen, das speziell für Menschen mit Parkinson entwickelt wurde. In der sogenannten Berliner BIG-Studie, unterstützt von der Deutschen Parkinson Vereinigung, konnten deutliche Verbesserungen von Gangbild und Beweglichkeit nachgewiesen werden.
- Krafttraining: Der gezielte Aufbau der Bein- und Rumpfmuskulatur ergänzt das Gleichgewichtstraining und senkt zusätzlich das Risiko schwerer Stürze.

- Ergänzende Bewegungsformen wie Tai Chi oder Qigong: Diese fernöstlichen Bewegungskonzepte fördern Körperwahrnehmung, Entschleunigung und Koordination und werden von Parkinson-Fachkliniken zunehmend begleitend eingesetzt.
Aus diesen Bausteinen stellt der Physiotherapeut oder die Physiotherapeutin ein individuelles Übungsprogramm zusammen, das im Verlauf der Erkrankung immer wieder an die aktuelle Symptomatik angepasst wird – denn jede Parkinson-Erkrankung verläuft anders, und genauso individuell sollte auch die Behandlung sein.
Wann sollte die Physiotherapie beginnen?
Aktivierende Therapien sollten möglichst früh nach der Diagnose beginnen und nicht erst dann, wenn deutliche Bewegungseinschränkungen bestehen. Ein frühzeitiger Start hilft, die Selbstständigkeit im Alltag länger zu bewahren – auch wenn die Erkrankung selbst durch Bewegungstraining nicht aufgehalten werden kann.
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Physiotherapie in den verschiedenen Krankheitsstadien
Die Schwerpunkte der Physiotherapie verändern sich mit dem Fortschreiten der Erkrankung. In frühen Stadien steht das aktive Training im Vordergrund: Gehstrecke, Haltung und die Sicherheit bei Transfers – etwa beim Aufstehen oder Umdrehen – lassen sich hier durch regelmäßiges Üben deutlich verbessern. In fortgeschrittenen Stadien verschiebt sich der Fokus: Statt intensivem aktivem Training rücken der Erhalt noch vorhandener Funktionen, die Vorbeugung von Kontrakturen, die Schmerzlinderung und die Unterstützung bei sicheren Transfers in den Vordergrund. Auch pflegende Angehörige können in dieser Phase von der Physiotherapie profitieren, etwa durch Anleitung zu rückenschonenden Bewegungshilfen im Alltag.
Fazit
Physiotherapie ist bei Morbus Parkinson kein optionales Extra, sondern ein zentraler Bestandteil der Behandlung. Von klassischer Krankengymnastik über spezialisierte KG ZNS-Konzepte wie Bobath, PNF oder Vojta bis hin zu Programmen wie LSVT BIG gibt es zahlreiche wirksame Ansätze, die – je nach Krankheitsstadium sinnvoll kombiniert – helfen, Beweglichkeit, Sicherheit und Lebensqualität so lange wie möglich zu erhalten.
Quellen:
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). S2k-Leitlinie Parkinson-Krankheit. https://www.dgn.org/leitlinie/parkinson-krankheit
- DGN One. Neue S2k-Leitlinie Parkinson-Krankheit – was ist neu? https://www.dgn.org/artikel/neue-s2k-leitlinie-parkinson-krankheit-was-ist-neu
- Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Praxis für Physiotherapie – LSVT® BIG. https://www.uke.de/organisationsstruktur/zentrale-bereiche/physiotherapie/praxis-fuer-physiotherapie/unsere-spezialangebote/lsvt-big/index.html
- Deutsche Parkinson Vereinigung e.V. Aktivierende Therapie bei Parkinson. https://brandenburg.parkinson-vereinigung.de/die-krankheit/allgemeines-zu-therapien/aktivierende-therapie.html
- Hilde-Ulrichs-Stiftung für Parkinsonforschung. Physiotherapie bei Parkinson (Krankengymnastik, KG ZNS, Bobath, Vojta, PNF). https://www.aktive-parkinsonstiftung.de/parkinson-informationen/nicht-medikamentoese-behandlung/aktivierende-therapien/krankengymnastik/
- Parkinson Schweiz. Physiotherapie bei Parkinson – Interview mit Susanne Brühlmann. https://www.parkinson.ch/parkinsonkrankheit/behandlung-von-parkinson/nichtmedikamentoese-therapie/physiotherapie
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